Modellbau(kunst?)

Ich treffe Juliette beruflich zweimal im Jahr. Wir arbeiten dann jeweils für eine Woche zusammen. Die Arbeit kann anstrengend sein, die Tage sind lang, es ist intensiv, aber auch spannend. Wir verlassen uns aufeinander, wir vertrauen uns, wir kennen uns. Juliette ist Malerin und lebt in Paris, sie lebt von ihrer Arbeit als Künstlerin. Sie ist ungeheuer kreativ, sie kann etwas, was ich nie konnte, und worum ich Menschen beneide, wenn sie diese Fähigkeit besitzen: Sie versteht es, Gefühle, Ideen, Ansichten und Meinungen zu Papier zu bringen und sich damit auszudrücken, ohne die Sprache zu benutzen.

Wenn wir uns wiedersehen, erfolgt zuerst immer ein langer Austausch. Wie geht es Dir? Was gibt es Neues? Erzähl mir alles. Wir haben im Laufe der Jahre eine Art Freundschaft entwickelt, die ich sehr schätze. Letztes Mal wie immer, bat ich sie, mir ihre neuesten Bilder zu zeigen. Ich verstehe nichts von Kunst, ich muss mich auf andere verlassen, die mehr davon wissen, wenn ein Mensch als Künstler bezeichnet wird. Aber immerhin kann ich Kunstwerke mögen oder eben nicht, das ist leicht. Sie zeigt mir ihre neuesten Kreationen, ich teile meine Meinung, es macht Spaß sich auszutauschen. 

Einer Eingebung folgend, vielleicht war es auch ein klein wenig die Hoffnung auf Anerkennung, zeige ich ihr ein Foto, dass ich auf meiner Modellbahnanlage gemacht habe. Es ist ein Stillleben (glaube ich zumindest), Arbeiter, die abends Kohle schaufeln. Sie blickt auf das Bild und meint, „schönes Foto… warte mal… nein, wirklich?“ Sie blickt mich fragend an. Juliette weiß, dass ich Modellbau betreibe, aber erst auf den zweiten Blick hat sie erkannt, dass es kein Foto einer realen Situation ist. Sie ist begeistert. „Das ist Kunst!“, sagt sie mit entschiedener Stimme. Ich widerspreche vehement. Kunst ist schließlich in meinen Augen, etwas zu erschaffen, was es vorher noch nicht gab. Ich bilde doch nur ab, ich baue etwas kleiner nach, was es in Wirklichkeit gibt oder gab. „Nein,“ sagt sie, „Kunst entsteht immer durch Inspiration. Kunst existiert nicht ohne Inspiration. Alle Künstler haben Inspiration genutzt, um Ihre Kunstwerke zu schaffen. Ohne Inspiration gibt es keine Kunst.“

Wir schweifen ab und sprechen über andere Dinge, aber diese kleine Konversation gab mir viel Anregung zum Nachdenken. Ist Kunst, also die „klassische“ Kunst, wie ich sie verstehe doch nicht nur und ausschließlich das Erschaffen von etwas Neuem? Häufig verfolge ich Bauberichte von Loks oder Wagen und denke insgeheim, das ist Kunst. Echte und wahre Kunst. Aber was ich damit meine, ist die Kunst, etwas so genau und detailliert und akribisch zu bauen. Ich bewundere diese Beharrlichkeit, sich tagelang oder monatelang auf ein Projekt zu konzentrieren, um dann irgendwann nach vielen Stunden Arbeit ein fertiges Modell vorstellen zu können.

Ich bin sicher kein begnadeter Modellbauer. Ich baue nach meinen Anforderungen, nach meinem Niveau, das ich mir setze. Ich liebe es manchmal, in Widersprüchlichkeiten zu bauen. Manche Dinge sind in Ordnung so, passt schon. Bei anderen Projekten sitze ich ewig lang an einer Lösung für ein vermeintliches Problem, eine Kleinigkeit, die aber mach meinem Standard perfekt sein muss. Ein Außenstehender mich dabei beobachtend würde vermutlich nur den Kopf schütteln. Aber was, wenn unsere Modellbautätigkeit tatsächlich Kunst im Sinne der „echten“ Kunst ist? Ich würde mich sicher freuen, stolz sein, aber ich habe da immer noch meine Zweifel. In einer Reihe von berühmten Künstlern? Ich? Weil uns etwas vereint? Unmöglich. Ich bin nur ein Modellbauer.

Meine liebe Juliette, im Herbst treffen wir uns wieder, ich glaube, wir müssen uns nochmal über dieses Thema unterhalten.

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